Ein Projekt des Marktes Schnaittach mit Unterstützung durch LEADER-Förderung und dem JMF Franken in Schnaittach

„Lasst Grabsteine sprechen“ – die wissenschaftliche Belebung der „Gelehrsamkeit in der Medinat OSchPaH “

Geschichtliche Grundlage
Der Markt Schnaittach war mehr als 500 Jahre ein zentraler Ort jüdischen Landlebens und jahrhundertelang durch seine Talmudschul von überregionaler Bedeutung. Gleich drei jüdische Verbandsfriedhöfe sind ein verpflichtendes kulturelles Erbe, das mit Synagoge, Vorsänger-, Rabbiner- und Schulklopferhaus einzigartig in Europa ist. Mit dem Jüdischen Museum Franken in Schnaittach, den Stolpersteinen, den Ortsführungen und den jüdischen Friedhöfen hat sich der Ort auf den Weg gemacht das Landjudentum würdevoll in Erinnerung zu behalten und zu bewahren. Immer häufiger kommen Menschen, Nachkommen und interessierte Besucher an die Plätze im Ort und erkennen den hohen Wert dieses Erbes. Auch kommen manchmal Besucher zufällig auf die „landjüdische Spur“ und sind überrascht und fasziniert über unsere Vergangenheit. So sind die drei Friedhöfe ein „guter Ort“ (eine der Bezeichnungen der Friedhöfe im deutsch-jüdischen Sprachgebrauch), um weiteres Wissen zu vermitteln.

Die auch als „Häuser der Ewigkeit“ bezeichneten guten Orte in Schnaittach sind Kleinode und hüten das Wissen um die jüdische Geschichte und ihre Persönlichkeiten, welche hier lebten. Ihre wertvollen Inschriften sollen bewahrt und wissenschaftlich erforscht werden, bevor sie möglicherweise endgültig witterungsbedingt für immer verstummen.

Die Verbandsfriedhöfe dienen den jüdischen Verstorbenen aus Schnaittach und seinen Tochtergemeinden Ottensoos, Forth (Landkreis ERH) und -Hüttenbach als letzte Ruhestätte. Die vier Gemeinden bildeten eine Verwaltungsgemeinschaft, deren Name sich aus ihren Anfangsbuchstaben zusammensetze, die Medinat „OSchPaH“. Bis zum Jahre 1607 wurden auch  aus Fürth stammende Jüdinnen und Juden  in Schnaittach beerdigt. 

Gemeinsame Zielsetzung der Beteiligten

Die Grabinschriften der teils uralten Friedhöfe drohen wie bereits erwähnt zu verwaschen und verwittern – sie bieten aber eine einzigartige Chance auf einen Blick in die gesellschaftliche Situation der Verstorbenen  und auch des gesellschaftlichen Umfeldes. Im Rahmen eines interkommunalen und landkreisübergreifenden LEADER Projektes werden die Inschriften dieser Grabsteine auf den drei jüdischen Friedhöfen in Schnaittach erfasst und wissenschaftlich aufgearbeitet werden. LEADER ist eine europäische Förderkulisse für Entwicklung im ländlichen Raum. Hierbei werden Inhalte wie beispielsweise wissenschaftliche Bearbeitung, interkommunale Zusammenarbeit, Bürgerbeteiligung und weitere Faktoren bewertet und führen dann zu einer Förderung von 50% der Kosten. Die lokale Arbeitsgruppe LEADER im Nürnberger Land (LEADER LAG NL) fasste 2016 den nötigen Beschluss zur Antragsstellung für unser Projekt. Im Mai 2017 wurde nun der Förderbescheid bzw. der vorzeitige Maßnahmenbeginn genehmigt. 

Viel an geleisteter Vorarbeit

Sowohl der Marktrat Schnaittach als auch die Gemeinde Ottensoos, der Markt Eckental (Landkreis ERH) und die Gemeinde Simmelsdorf-Hüttenbach haben hierbei bereits finanzielle Mittel bereitgestellt. Dazu wurden seit Ende 2014 Vorbesprechungen durchgeführt, interkommunale Zusammenarbeit beschlossen und Mittelgeber, der Landkreis Nürnberger Land und der Bezirk Mittelfranken eingebunden. Seit 2015 nimmt das Projekt nun weiter Fahrt auf - dazu konnten mehrere wissenschaftliche Vorabfragen (auch mit dem weltbekannten Steinheim-Institut) bereits geklärt werden. Träger ist  der Markt Schnaittach (Beschlussfassung dazu im November 2015),  der den Förderantrag Anfang Juli 2016 stellte.   Parallel erfolgt seither ein durch den Bildungsfonds im Landkreis Nürnberger Land gefördertes Schulprojekt. Die Mittelschule Schnaittach erarbeitet hier in Zusammenarbeit mit der VHS Unteres Pegnitztal und dem Bayerischen Rundfunk das Projekt „Hörpfade“. Ein weiteres Ziel ist etwa zu der Erstellung der Grabinschriften und ihrer Deutung in eine internationale Datenbank  auch einen per App abrufbaren Hörpfad vor Ort anzubieten. 

Was wird bewegt

Es werden die Informationen auf den Grabsteinen wissenschaftlich erfasst, ausgewertet, kommentiert und weltweit in der  Datenbank „Epidat“ des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts an der Universität Duisburg-Essen zugänglich gemacht . Diese Inschriften geben oft auch gesellschaftliche Stellungen der Verstorbenen und so wichtige Informationen über unsere Bevölkerung wieder. Dazu werden die Friedhöfe gärtnerisch gepflegt (ohne die Ruhe zu stören), die Steine auf-bearbeitet (nach den jüdischen Glaubensregeln), Steinmetzarbeiten  durchgeführt sowie je eine Informationstafel  vor dem alten jüdischen Friedhof  und in den beteiligten Kommunen aufgestellt. Eine schriftliche Dokumentation und Internetseite wird zum Abschluss  erstellt. Wir möchten dieses wissenschaftliche und heimatforschende Projekt mit einem jugendbegleiteten Projekt durchführen und  deshalb wird die  Mittelschule Schnaittach in Zusammenarbeit mit der VHS Unteres Pegnitztal und dem Bayerischen Rundfunk die Hörpfade erstellen, die mittels QR-Code von den Informationstafeln abgerufen werden können sowie auf den Internetseiten des Marktes, der Mittelschule sowie des Bayerischen Rundfunks eingestellt werden.  Eine fotografische Wanderausstellung zum jüdischen Landleben in der Medinat „OSchPaH“ kann  den Beginn der wissenschaftlichen Bearbeitung  etwa ab dem Herbst 2017 abrunden (genaue Termine stehen noch nicht fest).

Somit werden das Projekt als Ganzes und die Informationen dieser Inschriften der Heimatforschung unserer Region sehr dienlich sein. Auch  die zu erwartenden weiteren Erkenntnisse zu  der geschichtlichen Bedeutung Schnaittachs werden für  steigende  Besucherzahlen sorgen. Jüdische Nachfahren aus aller Welt werden durch die Informationen in der Datenbank „epidat“ auf die Heimat ihrer Familien in der Medinat „OschPaH fündig und können die Orte besuchen. Schon jetzt zeigt sich ein steigendes Interesse bei den Nachkommen der landjüdischen Bevölkerung und auch die bildungspädagogischen Führungen im JMF in Schnaittach weisen steigende Besucherzahlen auf. Das Projekt hat sich durch die Vorstellung beim Kulturausschuss des Bezirks Mittelfranken bereits 2015 einen Namen gemacht. Inzwischen sind überregionale Reaktionen feststellbar. Die mehr als 300 Jahre dauernde „Schnaittacher Gelehrsamkeit“ der Talmudschul in Schnaittach und die Medinat „OschPaH“ sind noch heute in Fachkreisen im In- und Ausland bekannt. 

Offene „gute Orte“

Die guten Orte sind für Besucher zugänglich, mit Ausnahme zu den Sabbatzeiten und den Feiertagen. (siehe auch http://ikg-bayern.de/kaluachjs/KaluachJS.htm)

Männliche Besucher „mögen beim Betreten der Friedhöfe ihr Haupt bedecken“ – bitte nehmen Sie diese Regel ernst – begegnen sie den „Ruhenden“ würdevoll und tragen Sie entweder eine klassische „Kippa“ oder einfach einen Hut oder eine Mütze. Bitte beachten Sie, dass bei den stattfindenden Arbeiten ein Zugang nicht immer möglich ist. 

Unser Dank gilt allen Wegbegleitern, Weg-Ebnenden, Beteiligten und Unterstützern!

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