Noch zu Adalbert Gartners Zeiten erwarb der Museums- und Geschichtsverein (MUGS) ein besonderes, kleinformatiges Buch für die Sammlung des Heimatmuseums. Es handelt sich um den zweiten Band von „Auserlesene kleine Schriften“ von Johann Georg Estor (1699-1773), gedruckt in Gießen 1736. Die gesamte Reihe, die drei Bände umfasst, enthält eine Sammlung von Abhandlungen rechtshistorischer und staatswissenschaftlicher Themen. Der Autor war ein renommierter deutscher Rechtswissenschaftlicher, Historiker und Aufklärer. Estor lehrte als Professor in Marburg, Gießen und Jena und gilt als einer der bedeutendsten Gelehrten des 18. Jahrhunderts auf dem Gebiet des deutschen Rechts, insbesondere des Reichs- und Privatrechts.
Dieser Band ist für Schnaittach von besonderer Bedeutung, da Estor die rechtlichen und historischen Aspekte der Ganerbenschaft, insbesondere anhand der Urkunden der Ganerben vom Rothenberg untersucht. Die Ganerbenschaft ist eine spezifische Eigentumsform, die im deutschen Recht des Mittelalters seit Ende des 12. Jahrhunderts und der Frühen Neuzeit eine bedeutende Rolle spielte. Dabei handelte es sich um eine zumeist adelige Eigentümergesellschaft, die gemeinschaftlich ein Objekt wie eine Ganerbenburg oder ein Ganerbendorf besaß. Auf dem Gebiet des heutigen Bayerns finden sich diese vor allem in Franken. Der Wortbestandteil "Gan-" in Ganerbenschaft leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort "gan“ ab, das mit "ganz, gemeinsam, vollständig" übersetzt werden kann. Heute findet man das Prinzip bei Gemeinschaftseigentum in Wohnungseigentümergemeinschaften.
Estor analysiert nun verschiedene Aspekte anhand der Urkunden vom Rothenberg, wie etwa die Entstehung und Struktur der Ganerbschaft, Rechte und Pflichten der Ganerben, Verwaltung und Nutzung des gemeinschaftlichen Besitzes, Konfliktbewältigung und rechtliche Rahmenbedingungen und schließlich die historische Bedeutung der Ganerbschaft Rothenberg. Um diese zu unterstreichen, steht dem Buch ein bekannter Stich von Matthias Merian aus der „Topographia Franconiae“ von 1648 voran, der die Burganlage unter Wappen und Banner mit der Inschrift „Das berühmte Ganerben Schloß Rotenberg“ zeigt. Während der Einband mit einem Buchrücken aus Pergament und handschriftlichem Titel schmucklos gehalten ist, finden sich auf den Seiten mehrere Vignetten (kleine Stiche zur Buchausschmückung). Das 769seitige, kleinformatige Buch ist - typisch für diese Zeit - in Frakturschrift gedruckt, lateinische Textquellen, die Estor ausreichend zitiert, sind hingegen in Antiqua, der Standardschrift für Texte in lateinischer Sprache, gehalten.
Estors detaillierte Untersuchung der Urkunden vom Rothenberg trägt erheblich zum Verständnis der rechtlichen und sozialen Strukturen des Adels im Heiligen Römischen Reich bei.
(c) Dr. Nicole Brandmüller-Pfeil

















